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Journalismus in der Ukraine: Mehr als ein Informationskrieg

Dieser Artikel von Inna Nelles wurde zuerst auf Heinrich Böll Stiftung veröffentlicht.


Die einst lebhafte Szene der regionalen und nationalen ukrainischen Medien ist durch die brutale russische Invasion und Besetzung gefährdet. Der Krieg hat die Arbeit der Journalist*innen verändert. Mediale Geschäftsmodelle sind bedroht. Es ist gegenwärtig die dringende Aufgabe, die ukrainische Medienlandschaft zu bewahren und Journalist*innen in ihrem Beruf zu halten. Das tragische Beispiel Russlands zeigt, wie ohne umfassende Meinungsfreiheit und unabhängige Medien eine Diktatur gedeihen kann.



Einige ukrainische Medienvertreter*innen scherzen, dass am 24. Februar alle Journalist*innen in der Ukraine automatisch zu Kriegsreporter*innen wurden. In diesem Scherz schwingt durchaus ein Stück Wahrheit mit. Vor der vollständigen russischen Invasion hat das Team des Public Interest Journalism Lab (PIJL) "konstruktiven Journalismus" gefördert. Wir haben sektorübergreifende Untersuchungen durchgeführt und gemeinsam mit Soziolog*innen und Analyst*innen untersucht, welche Inhalte dazu beitragen, die Polarisierung der Gesellschaft zu verringern.


Ab dem 24. Februar ging unser Team zur dokumentarischen Arbeit vor Ort über: Wir reisten in fast alle Regionen des Landes, um die tatsächlichen Umstände des Krieges zu dokumentieren. Gemeinsam mit Anwält*innen sammelten wir Beweise für zahlreiche Kriegsverbrechen, die von russischen Soldat*innen begangen wurden, um die Täter*innen zukünftig vor Gericht zu stellen. Einige Fälle, die wir im Rahmen von "The Reckoning Project: Ukraine Testifies" dokumentiert haben, wurden in einem Bericht des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte aufgeführt.


Doch inmitten all des Leids und der zerstörten Städte haben wir Hunderte von inspirierenden Beispielen des Widerstands, der Solidarität und des unbedingten Glaubens an den Sieg erlebt. Wir haben entschieden, diese Geschichten darüber, wie der Krieg das Leben der Ukrainer*innen verändert hat, in einer modernen Multimedia-Chronik mit dem Titel "Leben im Krieg" zu sammeln. Um die vielen Geschichten aus dem ganzen Land festzuhalten, haben wir uns mit anderen Journalist*innen zusammengetan, die kontinuierlich vor Ort tätig sind. Inzwischen hat "Leben im Krieg" mehr als 30 Medienpartner*innen. Einige von ihnen waren während der Besetzung von Cherson in russischer Gefangenschaft, andere setzen nach wie vor ihr Leben aufs Spiel, indem sie verdeckt in der vorübergehend von Russland besetzten Region Saporischschja arbeiten.

Nach Angaben der ukrainischen NGO Institute of Mass Information wurden seit dem 24. Februar acht Journalist*innen bei der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit getötet (drei ukrainische und fünf ausländische). Weitere 34 Medienschaffende starben als Kombattanten, durch russischen Beschuss oder durch Folter. Einige ukrainische Journalist*innen, wie Maksym Butkevych, der sich entschlossen hatte, den ukrainischen Streitkräften beizutreten, um die Unabhängigkeit des Landes zu verteidigen, befinden sich seit mehreren Monaten in russischer Gefangenschaft. Der Verbleib von Butkevych ist bislang noch unbekannt.


Viele Journalist*innen und Auslandskorrespondent*innen stellen sich auf außergewöhnliche Arbeitsbedingungen in der Ukraine ein: Inmitten von Raketenangriffen und in Luftschutzkellern, ohne Strom und Internet erfüllen sie weiterhin ihre Aufgaben. Die Arbeitsbelastung hat sich um ein Vielfaches erhöht. Viele ukrainische Redaktionen arbeiten seit neun Monaten ohne Urlaub, während ihre Einnahmen erheblich zurückgegangen sind, weil der Werbemarkt als Finanzierungsquelle für unabhängige Medien in der Ukraine weggebrochen ist. Infolgedessen mussten einige Redaktionen Mitarbeiter*innen entlassen. Die große Mehrheit setzt jedoch trotz aller Hindernisse ihre wichtige Arbeit fort. Trotz psychischer Traumata und Erschöpfung arbeiten sie daran, der Welt die Realität dieses Krieges zu vermitteln.


Resiliente Medien: Anpassung und Solidarität


Die ukrainischen Medien, die die Bevölkerung über akute Bedrohungen oder aktuelle Entwicklungen informieren, sollten ein Schutz gegen eine unverhältnismäßige Zentralisierung oder eine mögliche Machtübernahme innerhalb des Landes bleiben. Journalist*innen sollten zusammen mit der Zivilgesellschaft dafür sorgen, dass eine vorübergehende Zensur oder Selbstzensur von Journalist*innen aufgrund des Kriegsrechts nicht zur Norm wird und nicht in eine politische Zensur umschlägt. Bei der Berichterstattung über den Krieg müssen sich die Journalist*innen an bestimmte, vom Generalstab der ukrainischen Streitkräfte aufgestellte Regeln halten. Aus Sicherheitsgründen gibt es Einschränkungen bei der Berichterstattung über die Folgen des feindlichen Beschusses. Außerdem ist es verboten, detaillierte Informationen über die Bewegung der ukrainischen Truppen zu veröffentlichen, und der Zugang zur Frontlinie ist streng geregelt. In Kriegszeiten sind diese Einschränkungen verständlich und die Journalist*innen haben sich neun Monate nach Kriegsbeginn daran gewöhnt.


Es ist eine weitere Besonderheit der Kriegsberichterstattung, dass mit dem Format "United News" kommerzielle Fernsehsender und der öffentlich-rechtliche Rundfunk begonnen haben, gemeinsam zu senden, anstatt ihre eigenen Programme auszustrahlen. Praktisch alle TV-Mitarbeiter*innen arbeiten jetzt an der Erstellung von Nachrichten. Die Tatsache, dass eine solche Zusammenarbeit möglich ist, ist an sich schon ein positiver Präzedenzfall. In den vergangenen Jahren befanden sich alle großen Fernsehsender im Besitz von Oligarchen und konkurrierten miteinander, wodurch aufrechterhalten wurde, was Expert*innen als "oligarchischen Pluralismus" bezeichneten. Viele von ihnen übten scharfe Kritik an der Regierung Zelenskyy. Es stellt sich also die Frage, wie die Möglichkeit von Fernsehsendern und (nicht-)oligarchischen Medien nach dem Krieg zurückgewonnen werden kann, die vorherrschenden Machtstrukturen zu kritisieren.


Gleichzeitig stehen die ukrainischen Medien vor dem akuten Problem, neue Formen der Berichterstattung über den Krieg finden zu müssen. Nach fast einem Jahr des Grauens ist in der Bevölkerung eine gewisse Nachrichtenmüdigkeit eingetreten; eine Kapazitätsgrenze für die Wahrnehmung des Traumas. Denn die Ukrainer*innen erfahren von den Grausamkeiten des Krieges nicht nur aus dem Fernsehen und aus Zeitungen, sondern - vor allem - aus eigenem Erleben. Daher begannen einige Online-Medien im Sommer, zu den Formaten zurückzukehren, die sie vor dem 24. Februar veröffentlicht hatten - zum Beispiel zu Kulturnachrichten und ausführlichen Interviews mit Intellektuellen oder journalistischen Recherchen, wie dem Artikel der 'Ukrainska Pravda' über den luxuriösen Lebensstil von Kyrylo Tymoschenko, dem stellvertretenden Leiter des ukrainischen Präsidialamtes. Die Journalist*innen sagen, dass sie auf diese Weise dem Wunsch des Publikums nachkommen, den aktuellen Kriegskontext in diese Themen zu integrieren.


Solidarität wird auch an der ukrainischen Medienfront gelebt. Viele Redaktionen und einzelne Journalist*innen tauschen untereinander Tipps zur Bewältigung der Situation aus. Ein weiteres Beispiel für das gemeinsame Überlebensmanagement sind die zahlreichen Schulungen für Journalist*innen (von Erster Hilfe bis hin zu psychologischer Belastbarkeit) und die Einrichtung von Ressourcenzentren für Medienschaffende. So richtete das Institut für Masseninformation beispielsweise 10 regionale Medienzentren ein, um Journalist*innen im Krieg zu unterstützen. Ukrainische und ausländische Journalist*innen können in diesen sicheren Ressourcenzentren Ausrüstung mieten, Daten bearbeiten und übermitteln, kollaborieren und studieren.

Die ausgebliebenen Werbeeinnahmen wurden durch andere Formen der Finanzierung ersetzt. Zuschüsse von internationalen Organisationen, Fundraising, Online-Werbung, Spenden über Patreon usw. helfen den ukrainischen Medien, sich über Wasser zu halten. Bedauerlicherweise konnten nicht alle von ihnen gerettet werden. Wir sind dankbar für jede Unterstützung. Doch die Nachfrage wächst weiter, vor allem bei kleinen, regionalen Medien, die keine Erfahrung im Fundraising haben, dennoch aber die einzige Quelle für Informationen aus ihren Städten sind.


Unsere Organisation unterstützt viele von ihnen durch die Medienpartnerschaft "Leben im Krieg", denn schon mit einem Betrag von 5.000 Euro können wir das Überleben einer solchen Redaktion für mehrere Monate sichern. Dennoch bleibt die Gewissheit, dass die ukrainischen Medien mehr Unterstützung durch die Gebergemeinschaft benötigen - flexible und langfristige Unterstützung, die es ihnen ermöglicht, ihre Arbeit zu planen und ihren beruflichen Aufgaben unter den extrem schwierigen Bedingungen des Krieges nachzugehen. Unsere gemeinsame Mission besteht heute darin, die ukrainischen Medien zu erhalten und die Journalist*innen zu schützen, denn wir erleben ihren Stellenwert jeden Tag. Außerdem zeigt das Beispiel Russlands, wie das fehlende Recht auf freie Meinungsäußerung und unabhängige Medien zu einer Diktatur führen können.


Bevor Panzer einmarschieren, hat die Desinformation längst Wurzeln geschlagen


Seit 2014 dokumentieren ukrainische zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter auch das PIJL, zahlreiche Fälle von russischen Fake News, Desinformationen und Manipulationen sowie deren Verbreitung im ukrainischen Medienraum. Die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden haben in den letzten zwei Jahren mehrfach groß angelegte Bot-Farmen aufgedeckt und die Websites führender ukrainischer Medien sind regelmäßig DDOS-Angriffen ausgesetzt.


Nach Recherchen unserer Kolleg*innen von der Nichtregierungsorganisation "Detector Media" ist Telegram gleichzeitig der derzeit größte Verbreitungskanal für russische Fake News in der Ukraine, aber auch einer der beliebtesten Kanäle für den täglichen Nachrichtenempfang. Die mangelnde Bereitschaft der Betreiber*innen von Telegram, auf Desinformation zu reagieren, hat dieses Netzwerk zu einem geschützten Hafen für Fake News und Propaganda gemacht. Eines der Hauptmerkmale von Telegram ist, dass die Autor*innen der so genannten "Kanäle" völlig anonym sind. Dies ermöglicht eine weit verbreitete Imitierung, die von Russland in den ersten Tagen der umfassenden Invasion in der Ukraine bewusst eingesetzt wurde. Die Forscher*innen von Detector Media fanden heraus, dass ein Netzwerk gefälschter Telegram-Kanäle für ukrainische Städte eingerichtet wurde, um separatistisches Gedankengut sowohl in den vorübergehend besetzten Gebieten als auch in freien ukrainischen Städten zu verbreiten, und zwar unter dem Deckmantel, sich als lokale Medien auszugeben. Schon jetzt gibt es mindestens 300 populäre Kanäle im ukrainischen Teil von Telegram, die Desinformationsnarrative der russischen Propaganda verbreiten.


In der Ukraine befassen sich spezialisierte zivilgesellschaftliche Organisationen bereits seit acht Jahren mit dem Thema Desinformation und verfügen über umfangreiche Erfahrungen. Es gibt viele offene Schulungskurse und Vorlesungen über Medienkompetenz, in denen man lernen kann, wie man gefälschte von wahren Informationen unterscheidet und nicht dem Einfluss psychologischer Operationen des Feindes (sogenannte PSYOPs) erliegt. Denn die Ukrainer*innen wissen, welchen Schaden Panik anrichten kann.


Die Ukraine ist jedoch nicht das einzige Schlachtfeld für Russlands Desinformationstruppen. Deshalb müssen wir uns fragen: Nehmen die europäischen Gesellschaften diese Bedrohung ernst genug? Sind sie bereit, entschlossener auf die massiven Desinformationskanäle zu reagieren, die sich als russische Medien bezeichnen? Wenn die von ihnen verbreiteten Inhalte nicht der Information dienen und sie keine Medienorganisationen sind, warum sollten sie dann durch die gleichen Rechte geschützt werden wie diejenigen, die sich an professionelle Standards halten? Vor allem unsere Kolleg*innen in den EU-Ländern sollten ihre eigenen Informationsräume genauer unter die Lupe nehmen. Wir brauchen gemeinsame Entscheidungen gegen die "Posaunen des Kremls", die in jeder Minute daran arbeiten, die Grundlagen der liberalen Demokratie zu untergraben und unsere Gesellschaften zu polarisieren.


Wir sollten die Dinge beim Namen nennen und aufhören, zweideutige oder offen pro-russische Narrative zu verwenden. Die Sprache ist wichtig. Dies ist nicht der "ukrainische Krieg", nicht "der Krieg in der Ukraine" und nicht "Putins Krieg". Es handelt sich um einen 'nicht provozierten Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine'. Und für die Ukrainer*innen ist dieser Krieg mehr als ein Informationskrieg. Die von Russland begangenen Gräueltaten sind weit über das Schlachtfeld der Desinformation hinausgegangen. Die Aufgabe der Journalist*innen in diesem Krieg besteht darin, die Wahrheit zu verteidigen und Licht in diese Ereignisse zu bringen, damit die Täter*innen vor Gericht gestellt werden können und die Geschichte wahrheitsgemäß geschrieben wird.

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